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Lessing - Ringparabel

Durch die Veröffentlichung der sogenannten "Wolfenbüttler Fragmente (Teile einer religionskritischen Schrift des verstorbenen Hamburger Orientalisten Professor Samuel Reimarus, 1694-1768, die den Offenbarungscharakter der Bibel angriffen) wird Lessing in schwere literarisch-theologische Auseinandersetzungen um die Freiheit wissenschaftlicher Forschung mit dem Hauptpastor Goeze der Hamburger St.Katharinen-Kirche verwickelt. Als gegen Lessing durch Kabinettsbefehl seines Landesherrn ein Verbot wissenschaftlicher Veröffentlichung ergeht, beschließt er, sich nicht mundtot machen zu lassen und widmet sich wieder dem Theater. In der Nacht zum 11. August 1778 beginnt er die Arbeit am "Nathan". Lessing übernimmt aus der Novelle "Decamerone" des Giovanni Boccaccio (1313-1375) die Parabel von den drei Ringen, wo sie als die dritte Geschichte des ersten Tages von dem Juden Melchisedek und seinen drei Söhnen erzählt wird. In dem dramatischen Gedicht werden in fünffüßigen, ungereimten Jamben ewige Menschheitsfragen diskutiert. (Der Jambus ist ein Versfuß aus einer Senkung und einer Hebung. Der für das deutsche klassische Drama kennzeichnende fünffüßige Jambus, als Blankvers von den Engländern ausgebildet, wurde erstmals von Lessing benutzt.) Die Humanitätsideale des 18 Jahrhunderts werden dargelegt. Für Lessing ist der "Nathan" sein in dramatische Form gegossenes freimaurerisches Glaubensbekenntnis. Er will nicht die Wirklichkeit beschreiben, sondern ein Ideal verkünden. Der Dichter will nicht das Idealbild eines Juden, sondern des wahren Menschen geben, dem Toleranz Herzenzanliegen ist. Es soll nicht der transzendente Gehalt der Religionen diskutiert, sondern die Aufgabe gezeigt werden, die dem frommen Menschen hier auf Erden im Umgang mit dem Nächsten erwächst. Menschenliebe, Hilfsbereitschaft, Toleranz, Mildtätigkeit und Erziehung hierzu werden von Lessing zum Kern des Humanitätsbegriffs gemacht. Lessing sieht allein in echter Herzensgüte das Wesen wirklicher Religiosität. Herder schrieb an Lessing am 1. Juni 1779: "Ich sage Ihnen kein Lob über das Stück; das Werk lobt den Meister, und dies ist Manneswerk." Goethe, der "Nathan den Weisen" sehr bewunderte, sprach den Wunsch aus: "Möge das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben!"

Zum Inhalt:

Während des 3. Kreuzzuges kommt es zu einem Konflikt unter den Vertretern der drei goßen Religionen, die in Jerusalem zusammentreffen. Jerusalem ist und war für die drei Offenbarungsreligionen - den Islam, das Judentum und das Christentum - ein heiliger Ort. Die christlichen Heere hatten im Jahr 1099 unter unglaublichen Verlusten Jerusalem erobert und einen guten Teil der jüdischen und mohammedanischen Bevölkerung abgeschlachtet. Im 12 Jahrhundert dehnte wiederum ein mohammedanischer Sultan seine Macht in Ägypten und im Vorderen Orient aus und eroberte 1187 Jerusalem. Dieser Sultan war Saladin. Die dramatische Handlung spielt etwas außerhalb der historischen Chronologie während eines Waffenstillstands zwischen dem Kreuzzügler Richard Löwenherz und Saladin im Jahre 1192.

Der Tempelherr Leu von Filneck, aus vorerst unersichtlichen Gründen von Sultan Saladin begnadigt, rettet aus einem brennenden Haus in Jerusalem die von dem Juden Nathan an Kindes statt angenommene Recha. Im Tempelherren wogen zwiespältige Empfindungen, aufkeimende Liebe und vom eifernden Patriarchen in Jerusalem geschürter orthodoxer Haß gegen das Judentum. Von tiefer Neigung zu ihr ergriffen, bittet er den Juden um ihre Hand, ohne daß er weiß, wer Recha ist. In die Verwicklung wird der Sultan Saladin eingeschaltet, der dem Juden die Frage nach der besten Religion vorlegt. Nathan erzählt die Parabel von den drei Ringen: Ein reicher Mann im Osten besaß einen Ring, der die geheimnisvolle Auswirkung hatte, 'vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer ihn mit Zuversicht trug'. Er hatte drei Söhne und vererbte jedem von ihnen einen Ring, der dem echten völlig gleich war, so daß keiner der Söhne wußte, wer den echten Ring besaß. Alle drei wurden von einem weisen Richter schließlich belehrt, jeder sollte so handeln, als wäre der echte Ring sein eigen: 'Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach!' Die darin enthaltene Aufforderung zu Menschlichkeit und Toleranz der verschiedenen Religionen und aller Menschen untereinander überwältigt den Sinn des Sultans und läßt ihn zum Freunde Nathans werden. Der Gang der Handlung besteht nun in einer analytischen Aufklärung über die Verwandschaftsverhältnisse der handelnden Personen und in der inneren Läuterung der Leidenschaft des Tempelherrn. Recha ist seine Schwester. Sie beide stammen aus der Ehe des jüngeren Bruders des Sultans Saladin, Assad, mit einer Christin. Dieser Assad verließ das Vaterland und gab seine Religion um seiner Ehe mit der Christin willen auf. Sein Sohn, der Tempelherr, kehrt ins Heilige Land zurück. So wie schon immer der edle Nathan die starren Religionsunterschiede für nichtig erachtet hat, so führt das Leben sie alle zusammen. Über die trennenden Grenzen der Religionen und Kulturen finden sie sich wieder in reiner Menschenachtung. Symbolisch drückt das die in den Dialog eingearbeitete Ringparabel aus.




Gotthold Ephraim Lessing:


Nathan der Weise - Die Ringparabel

(entstanden 1778, veröffentlicht 1779)

Dritter Aufzug vierter Auftritt

(Szene in Jerusalem: Ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin)

Saladin und Sittah (Schwester von Saladin)


SALADIN:
(im Hereintreten, gegen die Türe)
Hier bringt den Juden her, so bald er kömmt.
Er scheint sich eben nicht zu übereilen.
SITTAH:
Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich
Zu finden.
SALADIN:
Schwester! Schwester!
SITTAH:
Tust du doch
Als stünde dir ein Treffen vor.
SALADIN:
Und das
Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen.
Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;
Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen.
Wenn hätt' ich das gekonnt? Wo hätt' ich das
Gelernt? - Und soll das alles, ah, wozu?
Wozu? - Um Geld zu fischen; Geld! - Um Geld,
Geld einem Juden abzubangen; Geld!
Zu solchen kleinen Listen wär ich endlich
Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir
Zu schaffen?
SITTAH:
Jede Kleinigkeit, zu sehr
Verschmäht, die rächt sich, Bruder.
SALADIN:
Leider wahr. -
Und wenn nun dieser Jude gar der gute,
Vernünftge Mann ist, wie der Derwisch dir
Ihn ehedem beschrieben?
SITTAH:
O nun dann!
Was hat es dann für Not! Die Schlinge liegt
Ja nur dem geizigen, besorglichen,
Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht
Dem weisen Manne. Dieser ist ja so
Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen
Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausredt;
Mit welcher dreisten Stärk' entweder, er
Die Stricke kurz zerreißet; oder auch
mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze
Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast
Du obendrein.
SALADIN:
Nun, das ist wahr. Gewiß;
Ich freue mich darauf.
SITTAH:
So kann dich ja
Auch weiter nichts verlegen machen. Denn
Ist's einer aus der Menge bloß; ist's bloß
Ein Jude, wie ein Jude: gegen den
Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen
Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;
Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm
Als Geck, als Narr.
SALADIN:
So muß ich ja wohl gar
Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht
Schlecht denke?
SITTAH:
Traun! wenn du schlecht handeln nennst,
Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.
SALADIN:
Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er
Nicht zu beschönen wüßte!
SITTAH:
Zu beschönen!
SALADIN:
Das feine, spitze Ding, besorg' ich nur,
In meiner plumpen Hand zerbricht! - So was
Will ausgeführt sein, wie's erfunden ist:
Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit. - Doch,
Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;
Und könnt' es freilich, lieber - schlechter noch
Als besser.
SITTAH:
Trau dir auch nur nicht zu wenig!
Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst. -
Daß uns die Männer deines gleichen doch
So gern bereden möchten, nur ihr Schwert,
Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.
Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit
dem Fuchse jagt: - des Fuchses, nicht der List.
SALADIN:
Und daß die Weiber doch so gern den Mann
Zu sich herunter hätten! - Geh nur, geh! -
Ich glaube meine Lektion zu können.
SITTAH:
Was? ich soll gehn?
SALADIN:
Du wolltest doch nicht bleiben?
SITTAH:
Wenn auch nicht bleiben ... im Gesicht euch bleiben -
Doch hier im Nebenzimmer -
SALADIN:
Da zu horchen? Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn. -
Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kömmt! - doch daß
Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.
(indem sie sich durch die Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern
herein, und Saladin hat sich gesetzt.)



Dritter Aufzug, fünfter Auftritt

Saladin und Nathan

SALADIN:
Tritt näher, Jude! - Näher! - Nur ganz her! -
Nur ohne Furcht!
NATHAN:
Die bleibe deinem Feinde!
SALADIN:
Du nennst Dich Nathan?
NATHAN:
Ja.
SALADIN:
Den weisen Nathan?
NATHAN:
Nein.
SALADIN:
Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.
NATHAN:
Kann sein; das Volk!
SALADIN:
Du glaubst doch nicht, daß ich
Verächtlich von des Volkes Stimme denke? -
Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen,
Den es den Weisen nennt.
NATHAN:
Und wenn es ihn
Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise
Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der,
Der sich auf seinen Vorteil gut versteht
SALADIN:
Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?
NATHAN:
Dann freilich wär' der Eigennützigste
Der Klügste. Dann wär' freilich klug und weise
Nur eins.
SALADIN:
Ich höre dich erweisen, was
Du widersprechen willst. - Den Menschen wahre
Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du.
Hast du zu kennen wenigstens gesucht;
Hast drüber nachgedacht: das auch allein
Macht schon den Weisen.
NATHAN:
Der sich jeder dünkt
Zu sein.
SALADIN:
Nun der Bescheidenheit genug!
Denn sie nur immerdar zu hören, wo
Man trockene Vernunft erwartet, ekelt.
(Er springt auf.)
Laß uns zur Sache kommen! Aber, aber
Aufrichtig, Jud', aufrichtig!
NATHAN:
Will sicherlich dich so bedienen, daß
Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe.
SALADIN:
Bedienen? wie?
NATHAN:
Du sollst das Beste haben
Von allem; sollst es um den billigsten
Preis haben.
SALADIN:
Wovon sprichst du? doch wohl nicht
Von deinen Waren? - Schachern wird mit dir
Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!) -
Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.
NATHAN:
So wirst du ohne Zwifel wissen wollen,
Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,
Der allerdings sich wieder reget, etwa
Bemerkt, getroffen? - Wenn ich unverholen ...
SALADIN:
Auch darauf bin ich eben nicht mit dir
Gesteuert. Davon weiß ich schon, so viel
Ich nötig habe. - Kurz: -
NATHAN:
Gebiete, Sultan.
SALADIN:
Ich heische deinen Unterricht in ganz
Was anderm; ganz was anderm. - Da du nun
So weise bist: so sage mir doch einmal -
Was für ein Glaube, was für ein Gesetz
Hat dir am meisten eingeleuchtet?
NATHAN:
Sultan,
Ich bin ein Jud'
SALADIN:
Und ich ein Muselmann.
Der Christ ist zwischen uns. - Von diesen drei
Religionen kann doch eine nur
Die wahre sein. - Ein Mann, wie du, bleibt da
Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.
Wohlan! so teile deine Einsicht mir
Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen
Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit
Gehabt. Laß mich die Wahl, die diese Gründe
Bestimmt, - versteht sich, im Vertrauen - wissen,
Damit ich sie zu meiner mache. Wie?
Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? - Kann
Wohl sein, daß ich der erste Sultan bin,
Der eine solche Grille hat; die mich
Doch eines Sultans eben nicht so ganz
Unwürdig dünkt. - Nicht wahr? - So rede doch!
Sprich! - Oder willst du einen Augenblick,
Dich zu bedenken? Gut, ich geb' ihn dir. -
(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
Will hören, ob ich's recht gemacht. - ) Denk' nach.
Geschwind denk' nach! Ich säume nicht, zurück
Zu kommen.
(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich
Sittah begeben)



Dritter Aufzug, sechster Auftritt

Nathan (allein).
Hm! hm! - wunderlich! - Wie ist
Mir denn? - Was will der Sultan? was? - Ich bin
Auf Geld gefaßt; und er will - Wahrheit. Wahrheit!
Und will sie so, - so bar, so blank, - als ob
Die Wahrheit Münze wäre! - ja, wenn noch
Uralte Münze, die gewogen ward! -
Das ginge noch! Allein so neue Münze,
Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett
Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht!
Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf
Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?
Ich oder er? - Doch wie? Sollt' er auch wohl
Die Wahrheit nicht in Wahrheit fordern? - Zwar,
Zwar der Verdacht, daß er die Wahrheit nur
Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein! -
Zu klein? - Was ist für einen Großen denn
Zu klein? - Gewiß, gewiß: er stürzte mit
Der Tür so ins Haus! Man pocht doch, hört
Doch erst, wenn man als Freund sich naht. - Ich muß
Behutsam gehn! - Und wie? wie das? - So ganz
Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht. -
Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen,
Warum kein Muselmann? - Das war's! Das kann
Mich retten! - Nicht die Kinder bloß, speist man
Mit Märchen ab. - Er kömmt. Er komme nur!



Dritter Aufzug, siebenter Auftritt

Saladin und Nathan:

SALADIN:
(So ist das Feld hier rein!) - Ich komm' dir doch
Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande
Mit deiner Überlegung. - Nun so rede!
Es hört uns keine Seele.
NATHAN:
Möcht' auch doch
Die ganze Welt uns hören.
SALADIN:
So gewiß
Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn'
Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu
Verhehlen! für sie alles auf das Spiel
Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!
NATHAN:
Ja! ja! wann's nötig ist und nutzt.
SALADIN:
Von nun
An darf ich hoffen, einen meiner Titel,
Verbesserer der Welt des Gesetzes,
Mit Recht zu führen.
NATHAN:
Traun, ein schöner Titel!
Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue,
Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
Erzählen?
SALADIN:
Warum das nicht? Ich bin stets
Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
Erzählt.
NATHAN:
Ja, gut erzählen, das ist nun
Wohl eben meine Sache nicht.
SALADIN:
Schon wieder
So stolz bescheiden? - Mach'! erzähl, erzähle!
NATHAN:
Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Daß ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, daß dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. -
Versteh mich Sultan.
SALADIN:
Ich versteh' dich. Weiter!
NATHAN:
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, - sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergießend Herz
Die andern zwei nicht teilten, - würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging. - Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. - Was zu tun? -
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen, -
Und seinen Ring, - und stirbt. - Du hörst doch,
Sultan?
SALADIN:
(der sich betroffen von ihm gewandt).
Ich hör', ich höre! - Komm mit deinem Märchen
Nur bald zu Ende. - Wird's
NATHAN:
Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, verstht sich ja von selbst. -
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; - (nach einer Pause, in welcher er
des Sultans Antwort erwartet)

Fast so unerweislich, als
Uns itzt - der rechte Glaube.
SALADIN:
Wie? das soll
Die Antwort seine auf meine Frage? ...
NATHAN:
Soll
Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau' zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.
SALADIN:
Die Ringe! - Spiele nicht mir mir! - Ich dächte,
Daß die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!
NATHAN:
Und nur von seiten ihrer Gründe nicht. -
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! - Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu'
Und Glauben angenommen werden? - Nicht? -
Nun, wessen Treu' und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? -
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. -
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? -
SALADIN:
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
Ich muß verstummen.)
NATHAN:
Laß auf unsre Ring'
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. - Wie auch wahr! - Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Genießen. - Wie nicht minder wahr! - Der Vater,
Beteu'rte jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein: und eh' er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräter
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.
SALADIN:
Und nun der Richter? - Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässet. Sprich!
NATHAN:
Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis' ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? -
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! - Nun: wen lieben zwei
Von Euch am meisten? - Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? - O, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrüger! Eure Ringe
sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drei für einen machen.
SALADIN:
Herrlich! herrlich!
NATHAN:
Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur! - Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. - Möglich; daß der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiß;
Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. - Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad' ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der
Bescheidne Richter.
SALADIN:
Gott! Gott!
NATHAN:
Saladin,
Wenn du dich fühlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu sein: ...
SALADIN:
(der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift,
die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt).

Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!
NATHAN:
Was ist dir Sultan?
SALADIN:
Nathan, lieber Nathan! -
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um. - Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine. - Geh! - Geh! - Aber sei mein Freund.
NATHAN:
Und weiter hätte Saladin mir nichts Zu sagen?
SALADIN:
Nichts.
NATHAN:
Nichts?
SALADIN:
Gar nichts. - Und warum?
NATHAN:
Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht,
Dir eine Bitte vorzutragen.
SALADIN:
Braucht's
Gelegenheit zu einer Bitte? - Rede!
NATHAN:
Ich komm' von einer weiten Reis', auf welcher
Ich Schulden eingetrieben. - Fast hab' ich
Des baren Gelds zuviel. - Die Zeit beginnt
Bedenklich wiederum zu werden; - und
Ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin. -
Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht, - weil doch
Ein naher Krieg des Geldes immer mehr
Erfodert, - etwas brauchen könntest.
SALADIN:
(ihm steif in die Augend sehend.)
Nathan! -
Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon
Bei dir gewesen; - will nicht untersuchen,
Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses
Erbieten freier Dings zu tun: ...
NATHAN:
Ein Argwohn?
SALADIN:
Ich bin ihn wert. - Verzeih mir! - Denn was hilft's?
Ich muß dir nur gestehen, - daß ich im
Begriffe war -
NATHAN:
Doch nicht, das Nämliche
An mich zu suchen?
SALADIN:
Allerdings
NATHAN:
So wär'
Uns beiden ja geholfen! - Daß ich aber
Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,
Das macht der junge Tempelherr. Du kennst
Ihn ja. Ihm hab' ich eine große Post
Vorher noch zu bezahlen.
SALADIN:
Tempelherr?
Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht
Mit deinem Geld auch unterstützen wollen?
NATHAN:
Ich spreche von dem einen nur, dem du
Das Leben spartest ...
SALADIN:
Ah! woran erinnerst
Du mich! - Hab' ich doch diesen Jünling ganz
Vergessen! - Kennst du ihn? - Wo ist er?
NATHAN:
Wie?
So weißt du nicht, wie viel von deiner Gnade
Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,
Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,
Hat meine Tochter aus dem Feur gerettet.
SALADIN:
Er? Hat er das? - Ha! darnach sah er aus.
Das hätte traun mein Bruder auch getan.
Dem er so ähnelt! - Ist er denn noch hier?
So bring' ihn her! - Ich habe meiner Schwester
Von diesem ihren Bruder, den sie nicht
Gekannt, so viel erzählet, daß ich sie
Sein Ebenbild doch auch muß sehen lassen! -
Geh, hol' ihn! - Wie aus einer guten Tat,
Gebar sie auch schon bloße Leidenschaft,
Doch so viel andre guten Taten fließen!
Geh, hol' ihn!
NATHAN:
(indem er Saladins Hand fahren läßt).
Augenblicks! Und bei dem andern
Bleibt es doch auch? (Ab.)
SALADIN:
Ah! daß ich meine Schwester
Nicht horchen lassen! - Zu ihr! zu ihr! - Denn
Wie soll ich alles das ihr nun erzählen?
(Ab von der andern Seite.)


* * *


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"Lessing als Freimaurer"


"Ernst und Falk - Gespräche für Freymäurer"


"Nathan der Weise - Einige Betrachtungen"


"Sufis - Die Freimaurer des Ostens?"